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alioth_neuGabrielle Alioth
 1955 in Basel geboren. Studium der Wirtschaftswissenschaften und Kunstgeschichte an den Universitäten Basel und Salzburg. 1982/83 längere Aufenthalte in Straßburg. Ab 1979 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Prognos AG, Basel. 1984 Übersiedlung nach Irland, als freie Übersetzerin und Journalistin für deutsche Zeitungen und Rundfunkstationen tätig. 1990 Publikation des Romans Der Narr und Ausstrahlung des gleichnamigen Hörspiels durch Radio DRS. 1991 Verleihung des Preises ‚Der erste Roman‘ durch das Literaturhaus Hamburg. Der siebte und jüngste Roman „Die Braut aus Byzanz“ erschien 2008.

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Schritte ins Offene

Eine Erzählung von Gabrielle Alioth

„Er ist weg“, durchzuckt es mich im ersten Moment. Doch als ich näher komme, entdecke ich das Geflecht seiner Zweige über den Dächern der Reihenhäuschen. Er hat seine Blätter verloren, natürlich, es ist Winter; nur in meiner Erinnerung ist er auf alle Zeiten in rotgoldene Herbstfarben gehüllt. Während ich langsam durch die sonntäglich verlassene Vorortsstrasse fahre, wandert mein Blick immer wieder zu dem Baum zurück. Er ist grösser, als ich erwartet habe, und seine letzten welken Blätter liegen auf dem Rasen des kleinen Vorgartens.

Die Veranstaltung an diesem Nachmittag, für die ich aus Irland in die Schweiz gereist bin, wurde abgesagt, und anstatt einer Schar Elfjährigen von dem Land zu erzählen, in dem ich seit zwanzig Jahren lebe, habe ich im Altersheim meine Mutter besucht, die nichts mehr erzählen kann. Eine Weile sind wir in ihrem Zimmer gesessen, in dem der Fernseher, ein Tischchen und ein Polsterstuhl stehen, die wir beim Verkauf ihres Hauses hierher gebracht haben. An den Wänden hängen Fotos: meine Mutter als kleines Kind zwischen ihren Geschwistern mit einem Kaninchen auf dem Arm, im Hochzeitskleid neben meinem Vater mit einem Strauss Lilien.

Im Spiegel über dem Waschbecken ein Abbild meiner Mutter vor 40 Jahren: mein eigenes Gesicht. Während ich von meiner Arbeit erzähle, ihren Enkelkindern, ihrem einzigen noch lebenden Bruder, ruht der Blick meiner Mutter teilnahmslos auf den geschlossenen Vorhängen. Als ich nach dem Plüschhund greife, den ich ihr vor ein paar Jahren geschenkt habe, zuckte ein Lächeln um ihren Mund.

Später schiebe ich sie im Rollstuhl der Rheinpromenade entlang. Das Fährischiffli, auf dem ich als Kind nach artig überstandenen Stadtbesuchen zur Belohnung fahren durfte, legt eben ab. Dort, auf der Mauer unterhalb des Münsters am gegenüberliegenden Ufer, wurde ich zum ersten Mal geküsst. Das Haus mit den blauen Simsen etwas weiter links hat der Familie meines Mannes gehört, und noch weiter links habe ich selbst einmal gewohnt. Dies ist die Geographie meiner Vergangenheit, das Land meiner Jugend, keine andere Stadt wird Basel je ersetzen können. Und über diese Brücke fuhr ich in der Nacht, in der wir die Schweiz verliessen; es war unvorstellbar damals, dass ich nicht mehr hier leben würde.

Als ich mich – wieder in ihrem Zimmer – von meiner Mutter verabschiede, versucht sie etwas zu sagen, vergeblich. Das einzige Wort, dass ihre Lippen noch formen können, ist: „Cheim“. Bringt mich das auf den Gedanken, zum Haus meiner Eltern zu fahren? Oder habe ich es schon lange vorgehabt, ohne es mir einzugestehen?

„Wenn sie nur den Baum nicht fällen“, hatte meine Schwester gesagt, als wir vor zwei Jahren das Haus verkaufen mussten, um die Kosten des Altersheims zu decken. Ich kann mich erinnern, als der Baum gepflanzt wurde, und ich kann mich an den Baum erinnern, der vor ihm hier wuchs: eine Weide, von der meine Mutter Ende Winter stets ein paar Zweige abschnitt und in eine Vase stellte, bis die pelzigen Weidenkätzchen sich öffneten und das Tischtuch mit gelbem Staub bedeckten.

Als die Weide zu gross wurde, machte mein Vater sich eines Samstags mit der Säge an ihr zu schaffen. Ich erinnere mich an die klaffende, rote Wunde in seinem Finger. Der bestellte Gärtner sägte den Stamm anderthalb Meter über dem Boden ab. Ich konnte hinaufklettern, zwischen den neuen Trieben sitzen, wie im Korb von Hatschi Bratischis Luftballon, und mich in fremde Bilderbuchländer tragen lassen.

Aus der Distanz der Jahre wird die Vergangenheit formbar. Das enge Reihenhaus zwischen Bahndamm und Müllgrube, in dem ich aufgewachsen bin, ist längst kein Grund mehr zur Scham sondern Bestandteil meiner Herkunftsfolklore, nicht unpassend für eine Schriftstellerin. Natürlich ist der Bahndamm heute mit Zäunen und Hecken saniert, die Brombeerwildnis, durch die wir als Kinder krochen, verschwunden, und dort wo einst die Ratten im Abfall nisteten, offeriert nun ein mehrfarbiges Freizeitzentrum Kinderkrippe und Altersturnen.

In dem kleinen Vorgarten des Reihenhäuschen steht ein Dreirad. Meine Mutter hätte darauf bestanden, es hinter dem Haus zu haben, von den Blicken der Passanten verborgen, und an den Fensterscheiben der Stube kleben selbstgemachte Weihnachtssterne. Ich überlege, ob ich das Auto parken und zu Fuss an dem Haus vorbeigehen soll. Was zieht mich an diesen Ort zurück? Die neuen Bewohner haben die Vorhänge entfernt und man sieht durch die Stube hindurch bis in den Garten. Heim steckt nicht grundlos in heimlich, etwas das anderen verborgen bleibt. Das Haus in seiner unverhohlenen Fröhlichkeit ist mir fremd.

Ich bin sicher, dass ich das Grab meines Vaters nicht finde, als ich etwas später vor dem Friedhof aus dem Auto steige. Doch dann gehe ich mit traumwandlerischer Gewissheit darauf zu. Der Stein ist kleiner, als ich ihn mir vorgestellt hatte, glatt, hat weder Kanten noch Ecken, an denen die Zeit sich festsetzen kann. Ich habe vergessen, dass wir über dem Namen meines Vaters ein Blatt einmeisseln liessen,­ in Erinnerung an den Baum.

In den Tannenzweigen auf dem Grab steht ein Totenlicht. Gehört das zum Auftrag der Friedhofsgärtnerei? Oder hat es jemand anderer hier aufgestellt, jemand, der meinen Vater kannte? Was weiss man vom Leben seiner Eltern? Zwei Damen in Nerzmänteln spazieren vorbei. Ich mache mich auf die Suche nach dem Brunnen mit den Goldfischen, die ich als Kind so liebte.

Heimat ist da, bevor wir sie kennen, bevor wir sie nennen können, gegeben wie Mutter und Vater. Für sie wird geweint, gekämpft und gestorben, aber erst wenn wir sie verlassen, zeigt sie ihr Wesen. Dann mag uns Heimweh befallen, diese Schwere des Gemütes, die zuerst bei Schweizer Söldnern in fremden Diensten diagnostiziert worden ist, oder ein Gefühl der Freiheit, weil wir den Schranken des Vertrauten entkommen sind. Denn dort, wo uns niemand kennt, können wir alles sein, wo wir keine Vergangenheit haben, lässt sich die Gegenwart erfinden. Dennoch sind es jene, die sich von der Heimat getrennt haben, die am meisten nach ihr fragen. Liegt sie im Vaterland oder in der Muttersprache? Ist sie der Ort der Geburt, oder jener, an dem wir unsere Toten begraben? Vom Mond aus betrachtet ist die Welt unsere Heimat, vom Fenster aus vielleicht der Baum im Garten.

Mehr als andere Nationen fühlen die Schweizer sich einer Ortschaft, einer Gemeinde verbunden, und erst wenn sie zu weit weg sind, um den Unterschied zwischen Kantonen zu erklären, werden sie zu Schweizern. Allein auch die Gemeinde, das Quartier muss sich, um zur Heimat zu werden, von der Nicht-Heimat unterscheiden lassen. Das Erste, was ich auf der Insel entdeckte, auf der ich heute daheim bin, war die Landschaft und die Gewissheit, diese lieben zu können. Es war einfach, denn sie war besonders, bezaubernd, unterschied sich von anderen. Sie liess sich abgrenzen, wie nur eine Insel es kann, und sie war unverwechselbar. Würden mich heute andere, tiefere Gefühle mit der Schweiz verbinden, wäre ich zum Beispiel im Anblick der Alpen – im Wissen um Einzigartigkeit – gross geworden und nicht zwischen gleichförmigen, grauen Hügeln, die überall sein könnten?

In den ersten Jahren in Irland habe ich in der Schweiz nur Schlechtes gesehen: Enge, Kleinlichkeit, Unzufriedenheit und Besserwisserei, und bis heute scheint mir Mani Matters Lied „Warum syt dir so truurig?“ die perfekte Beschreibung der schweizerischen Grundstimmung. Doch diese Traurigkeit ist auch Teil von mir. Im dritten oder vierten Jahr in Irland wurden wir von Freunden zu einem Kabarettabend in die nahe Provinzstadt eingeladen, eine schmuddelige Bühne im Hinterzimmer eines Pubs, auf der sonst der lokale Theaterverein probt. Eine deutsche Schauspielerin, die im Krieg nach England und dann nach Irland gekommen war, sang Brechtlieder. „Und das Schiff mit acht Segeln ….“ Gebannt sass ich auf meinem Sitz. Das waren meine Lieder, mit diesen Träumen war ich gross geworden. Es war vertraut, geliebt, etwas zu dem ich gerne stand, aber auch schrecklich, ein Fluch, der mir folgte, mich auf meine Herkunft reduzierte und auslöschte, was ich mir gewählt und geschaffen hatte. Selbst auf dieser Insel am Rand Europas war ich noch das kleine Mädchen aus dem Haus am Bahndamm.

Man wird nicht Irin, nur weil man zwanzig Jahre in Irland lebt, und man ist auch nicht mehr Schweizerin, wenn man mal zwanzig Jahre fort ist. Heute komme ich gerne in die Schweiz zurück, schätze ihre langsame aber auch moderate Wandlungsfähigkeit, ihr Bemühen und ihre Mühen. Natürlich fände ich es schwierig, die Farbe meiner Abfallsäcke wieder auf die der Nachbarn abstimmen zu müssen und mich an die unzähligen anderen Vorschriften zu halten, die den Schweizer Alltag regeln. Ich habe kein Verlangen in der Schweiz zu leben, aber in meinem Pass steht „Heimatort: Basel“ und daran wird sich nichts ändern. Den Ort selbst allerdings, an dem ich aufgewachsen bin, gibt es nicht mehr. Doch wer kann behaupten, er kenne seine Heimat, wo sich doch jeder Ort im Laufe der Zeit verändert. „Heimat“, meint ein Freund, „ist eine Utopie,­ ein Nicht-Ort, etwas im Kopf.“ Und vielleicht auch im Herzen.

„I was born under a wandering star …“ singt eine tiefe Männerstimme im Radio, als ich vom Friedhof abfahre. Der Brunnen mit den Goldfischen war leer. Von der Autobahnbrücke aus werfe ich einen letzten Blick auf den Rhein, das Münster, bevor ich in die Spur Richtung Zürich wechsle. „It´s time for me to go ….“ Ein Gefühl von Leichtigkeit steigt in mir auf: ich bin entkommen … Am nächsten Tag fliege ich nach Irland zurück. Da ist die feuchte Luft, schon als ich in Dublin aus dem Flughafengebäude trete, die grünen Felder neben der Autobahn, das Meer in der Ferne. Später gehe ich durch den Garten zum Bach hinunter. Die Wiesen sind matschig zu dieser Jahreszeit, das Wasser wölbt sich braun zwischen den Ufern, ein Krähe schreit in den blattlosen Ästen der Weide.

Im Frühling schneide ich ein paar ihrer Zweige ab und stelle sie in eine Vase. Ich glaube, jeder Mensch hat eine Landschaft, in die er gehört,­ das ist meine. Wir reisen in die Fremde, und indem wir sie entdecken, entdecken wir uns selbst. Aus fremden Spiegeln blickt das eigene Gesicht, und die Begegnung mit dem Anderen wird auch das Eigene verändern. Der, der zurückkehrt ist nie der gleiche, der ging. Denn jeder Ort hat seine Geschichte, und wenn wir lange genug bleiben, wird sie zu unserer eigenen. Unser Leben hängt an den Plätzen, an denen wir es leben, und etwas von unserem Leben bleibt hängen an ihnen.

Ich glaube nicht, dass man sich eine Heimat wählen kann, und so sehr ich mein irisches Tal auch liebe, so wird es doch nie das Haus am Bahndamm ersetzen. Denn Liebe und Vertrautheit mit einem Ort machen diesen höchstens zum Heim. Irland ist heim, der Ort, den ich gewählt habe, und der mich zu dem gemacht hat, was ich bin: Schriftstellerin zwischen zwei Ländern, zwei Sprachen, mit zwei Welten vertraut und zu keiner gehörig.

Denn auch wer die Heimat flüchtet, trägt etwas von ihr mit sich davon. Geliebt oder gehasst ist Heimat ein Stück von uns selbst, Vergangenheit, Gegenwart und auch Teil unserer Zukunft, Ort und Idee von Landschaft und Leben. Die Bäume, die wir über die Jahre an den Hängen unseres Tales pflanzten, haben Wurzeln geschlagen und sind uns über den Kopf gewachsen. Ich hoffe, sie weiter wachsen zu sehen. Aber ich bin auch froh, dass der Baum vor dem Haus am Bahndamm noch steht, dort wo meine eigenen Wurzeln sind.

© 2005 by Gabrielle Alioth