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Albrecht Classen, 2016


Gewalt

Sie steht da und ist
schon immer da gewesen
in vielerlei Form.
Widerstand durch Gewalt,
rufen sie begeistert.
In den Kampf,
zur Schlacht.
So war es schon lange,
1815 – 1848 – 1870 -1914 – 1939.
Spitzen des Seins
unseres Seins?
Fragen, lästige Fragen.
Blut ist der Erde Wasser
das gerinnt
an der Luft.
Mensch – du
wo ist dein Heim?
Oben, unten, was gilt’s?
Opportun, je nachdem.
Gewalt greift zur Gewalt
im Kampf gegen Gewalt
und für den Frieden
im Namen der Gewalt!
Siegreicher Widerstand
Aufstand – Unterstand – Kopfstand!
die Tür schlägt zu….
Gewalt!


Konzertabend

Auf Schwingen nimmt sie
unbekümmert frei,
ohne zu fragen, ohne zu zögern
nimmt, ergreift
mich mit auf die Reise
zu dir, zu euch allen,
reinigt, schmilzt das Harte
und läutert uns
auf dem Weg hinüber
jenseits des weiten tiefen Tals
und dann hoch hinauf.
Ihr Griff ist fest und leicht
in tausendfacher Form
einfach und reich,
wir fliegen alle mit.


Atemhauch

Wie Perlen
binden meine Worte
die Seelen zusammen.

Die alte Sehnsucht
nach dem Urgrund
endet im tiefen Brunnen.

Im Jubelton
des ersten Verses
beginnt die Welt zu singen.

Schreiben wir wieder,
lesen wir wieder,
kehren wir zum Ursprung zurück.

Der Logos grüßt
aus weiter Ferne
und lässt nicht locker.

Liebeslust
und altes Leid
finden sich im Wort vereint.


Spinne

Deine Gewebe
wippen im Wind,
sie fangen
den Morgentau
zärtlich auf,
wollen die Fliegen töten.

Der geometrische Entwurf
spiegelt die Welt
groß und klein.
Trigonometrisch
und hexagonal,
am Anfang stand der göttliche Entwurf.

Nimm doch nur
die Bienenwaben,
schon hältst du
das Planetensystem
in den Händen.

Wir blasen
die Löwenzahnsamen
leichterhand
in die Luft,
und ein Lebensstrom
setzt sich in Bewegung.

Der gold-glänzende Schmetterling
weiß nichts von den Sonnen
im fernen Raumsystem,
aber seine Flügelschläge
treiben die Planeten voran.
Lasst uns also lesen lernen,
was der Garten in sich birgt.


bourquin_bioIrène Bourquin

1950 in Zürich geboren, hat an der Universität Zürich Geschichte und Germanistik studiert und 1976 mit dem Doktorat abgeschlossen. Von 1977 bis 1998 war sie als Kulturredaktorin der Winterthurer Regionalzeitung der «Landbote» zuständig für die tägliche Kulturseite und die kulturelle Wochenendbeilage. Neben verschiedenen kulturellen Projekten arbeitet sie heute als freie Journalistin (Literatur– und Filmkritik), für diverse Zeitungen.


Ausgewählte Gedichte von Irène Bourquin


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Lago d´ Iseo


© für alle Gedichte: Irène Bourquin.