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Frederick A. Lubich

Vom Kinderkönig in Wien zum Kaffeehauskönig von Berlin

Wegstationen einer gemeinsamen Lebensreise

Ein Gedanken- und Erinnerungsaustausch mit Gerald Uhlig-Romero,

dem Gründer des Café Einstein Unter den Linden

Das Gespräch führte Frederick A. Lubich

„Das Leben ist nur ein kurzer Traum“

     (altrömisches Sprichwort)

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Maya Hostettler

LOS ANGELES – IMMER WIEDER

Die Stadt ist voller Menschen, überall. Unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Religionen in allen Farb-Schattierungen, braun, oliv, weiss, schwarz.

Es ist der 27. Dezember, ein Dienstag, und ich frage mich, warum so viele Menschen frei genommen haben. Meine Freundin Diane erklärt: „Wir wissen nicht, was auf uns zukommt.“…

Los Angeles (der gesamte Text)


Uwe Friesel

eispferde

Pferde: vom Mythos bis Prah

Pferde sind älter als Menschen. Zumindest sind sie es im Mythos. Der Griechische Sonnengott Helios lenkte den von vier Hengsten gezogenen Sonnenwagen über das Firmament. In der isländischen Edda lesen wir, dass der Wagen der Sonnengöttin Sol von zwei Hengsten gezogen wurde. Wir kennen sogar ihre Namen: Avakr (der Früh-Wache) und Alsvidr (der All-Geschwinde). Auch der römische Sonnengott hieß Sol. Wir erinnern uns seiner in Begriffen wie Solarenergie oder Solarium.

Das Pferd stand mit den Göttern im Bunde. Es verband Himmel und Erde. In etlichen Kulten der Frühzeit „hielten Priester oder Sterbende den Schwanz des Pferdes fest, denn die Menschen kannten den Weg zum Himmel nicht, aber das Pferd kannte ihn“ (Handwörterbuch dt. Aberglaube).

Mythische Pferde gab es in vielen Verwandlungen. Ihre Nähe zum Menschen konnte geradezu leibhaftig sein wie der Zentaur, der halb Pferd, halb Mensch war. In der Romantik weit verbreitet war das Fabelwesen Einhorn, das das Gute verkörpert, aber auch auf indischen Reliefs oder christlichen Mosaiken vorkommt. Später, auf den Gobelins und Gemälden der Romantik, wimmelt es geradezu von Einhörnern, und im 20. Jahrhundert erlebte es in dem Hit „The Last Unicorn“ erneut eine weltweite Auferstehung.

Das geflügelte Pferd Pegasus befördert die Träume der Poeten. Mit seinem Hufschlag schafft es göttliche Brunnen, aus denen Dichter und Götter trinken. Die hölzernen Giebelpferde an niedersächsischen Fachwerkhäusern haben dagegen irdische Funktion, gedacht als Schutz vor allen möglichen Gefahren wie Brand und Krieg. Das gilt auch für das heutige Landeswappen mit dem Niedersachsenross.

Mit dem Übergang in überlieferte Geschichte indes wurde aus dem heiligen Pferd die meist missbrauchte Kreatur aller Zeiten. In den Reiterschlachten der Hunnen und Alexanders des Großen noch beweglich und meist sattellos, musste es im Mittelalter schwergepanzerte Ritter tragen, schließlich sogar eine eigene Panzerung. Gleichzeitig sollte es wendig sein und alle möglichen Verwundungen überstehen. Doch „(…)mit der Erfindung der Feuerwaffen wurde die schwere Reiterei verdrängt und durch besser angepasste Kavallerieeinheiten ersetzt, die wesentlich leichter bzw. gar nicht mehr gepanzert waren. Als der Zeitpunkt, der hier eine Wende einleitete, wird häufig die Schlacht von Azincourt (1415) genannt.“ (Ralf Baumeister).

Hatte damit das Leiden der Schlachtrösser ein Ende? Durchaus nicht! Am wenigsten in der Kunst. In allen Kulturen musste das Pferd zur Heroisierung irgendwelcher Obrigkeiten herhalten. Auf Siegessäulen, Triumphbögen, Reiterstandbildern oder überdimensionalen Ölschinken wurden die Schlachten samt Schlachtrössern mit fahnenschwingendem Brimborium nachgestellt. Wer kennt nicht die endlosen Museums-Fluchten voller sich aufbäumender Kriegs-Rösser und erhaben im Sattel sitzender Feldherren? Wer hätte nicht die allgegenwärtigen Reiterstatuen aus Stein oder Bronze vor Augen, mit den sich die Potentaten der Nachwelt präsentieren? – auch solche, die im Gegensatz zu Alexander dem Großen gar nicht richtig reiten konnten, wie etwa Wilhelm II von Preußen (er immerhin glaubte an das Pferd als Transportmittel und hielt das Kraftfahrzeug für ein vorübergehendes Phänomen).

Es scheint, erst zu Beginn des 20 Jahrhunderts, bei dem expressionistischen Maler Franz Marc, finden wir den Gedanken einer Schöpfung wieder, in der auch Tiere göttlichen Ursprungs sind und eine Seele haben. Auf seinem berühmten Bild „Turm der Blauen Pferde“, von den Nazis als entartet aus der deutschen Kunst verbannt, wie auch auf dem Bild „Tierschicksale“ sind namentlich die Pferde sowohl Sinnbild für die Schönheit der Schöpfung als auch für die Schrecken des Todes. Bei den „Tierschicksalen“ fliehen die Tiere vor einem Waldbrand, doch die Pferde halten inne und laufen in die falsche Richtung, in ihr Verderben. Auf die Rückseite dieses Bildes von 1913 schrieb Marc den buddhistischen Spruch „Und alles Sein ist flammend Leid“. Das Gemälde gilt als apokalyptische Vision des Ersten Weltkriegs, in dem der Maler 1916 sein Leben ließ.

Das wohl berühmteste Bild gegen den Krieg malte Pablo Picasso mit „Guernica“. In seinem Mittelpunkt steht wiederum ein Pferd, eine zu Tode getroffene Stute, Sinnbild für das Leiden der Frauen der baskischen Stadt Gernika, die 1936 durch den Luftangriff der deutschen Legion Condor in Schutt und Asche gelegt wurde. Sowohl bei Marc als auch bei Picasso sind jeweils Tiere die unschuldigen Opfer des Krieges.

Genauso ist es bei André Prahs Eispferden. Die Ungeheuerlichkeit, dass der Mensch unschuldige Tiere ohne Skrupel seiner Mordmaschinerie opfert, hatte während der deutschen Belagerung Leningrads schon den Kriegsberichterstatter Curzio Malaparte entsetzt. In seinem Roman Kaputt von 1944 schildert er den schrecklichen Tod russischer Transportpferde im Eis des Ladoga-Sees. Und der schwedische Künstler André Prah, dies im Jahr 2010 nachlesend, erkennt darin jene Schlüsselszene, nach der er lange gesucht hatte und die ihm nun erlaubt, die Schrecken des Krieges in einer einzigen Metapher zusammenzufassen.

Ist es die Wahl des Materials – wassergebleichtes Wurzelholz von den Ufern der Ostsee, angeschwemmtes Treibgut – ist es seine genialische Fähigkeit, daraus immer wieder sterbende Pferde zu schaffen: Wir sind unmittelbar betroffen von ihrem Anblick und wissen augenblicklich, hier hat unsere Sehnsucht nach Frieden künstlerische Gestalt gefunden.


Uwe Friesel

Recht-Schreibung?

In Wahrheit geht es um Sprachreform. Da aber Sprache ein Prozess ist, sie sich also ständig selbst erneuert, hat sie keine Eingriffe nötig. Trotzdem werkelt man seit Luther an ihr herum: aus ideologischen Gründen.

So hatte der „preußische Kanzleistil“, ein autoritärer Nominalstil, zuvörderst das Ziel, Steuern einzutreiben und Soldaten zu rekrutieren. Auch Adolf Hitler brauchte dringend Gehorsam zur Durchsetzung seiner Ziele: Denkgehorsam, Sprachgehorsam. Der Gröfaz wurde von dem Wahn verfolgt, das arische Deutsche sei von subversivem Französisch unterwandert. Es stimmt, zur Zeit der industriellen Revolution wurden gewisse Wörter wie Lokomotive und Perron, Automobil und Navigation ins Deutsche übernommen. Nichts Beunruhigendes, oder? Doch das Auto musste zum „Kraftfahrzeug“ mutieren – noch heute existent in dem hässlichen Kürzel Kfz. Als Fehlschlag indes erwies sich der Plan, so private Teile wie die Nase zu reformieren: Sie sollte von der abwegigen Wortfindung „Gesichtserker“ abgelöst werden.

Eben wegen solcher Abwege wurde nach ’45 jedem weiteren Reformversuch misstraut. Die lang diskutierte Rechtschreibreform von 1996 wurde denn auch ein Mischmasch aus Alt und Neu. Auf der Strecke blieb die Autonomie der Sprache.

Ich vermute, ursprünglich war Sprache so etwas wie die geheime Übereinkunft derer, die im selben Urstromtal lebten. Dann, mit den Völkerwanderungen, entstanden Differenzierungen, je nach Siedlungsart. Mauern gegen Fremdwörter aber nicht. Herkunft und Bedeutung eingewanderter Wörter ließen sich aus ihrer Schreibweise ableiten. Phantasie zum Beispiel hatte mit dem griechischen „Trugbild“ zu tun, Fantasie dagegen mit Musik.

Bekannte deutsche Autoren forderten noch im selben Jahr den sofortigen Stopp der Reform. Sonst müsse die gesamte deutsche Literatur von Luther bis Lenz neu gedruckt werden.

Ein Nebenaspekt, meine Herren! Denn hier geschah etwas Selbstvergessenes, wie bei Kriegsende, als noch die letzten stehengebliebenen Gründerzeit-Fassaden niedergerissen wurden: Weg mit Simsen und Balkonen, Karyatiden und Säulen! Alles Ballast! Kompliziertes sollte durch Einfaches, Ungleiches durch Gleiches ersetzt werden, möglichst aus genormten Fertigteilen.

Doch derlei Fortschritt hat seine Tücken. Plötzlich erkennen wir die eigene Straße nicht wieder, ja nicht einmal die eigene Stadt, und fangen an, sie mit anderen Straßen und Städten zu verwechseln. Am Schluss fragen wir uns vergeblich, wer wir sind und woher wir kommen.