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Freya Klier, Regisseurin, Autorin, Dokumentarfilmerin, 2016, rechtefrei, © Nadja Klier copyright immer am Bild

Freya Klier, Regisseurin, Autorin, Dokumentarfilmerin, 2016,  © Nadja Klier

Freya Klier

Festrede zum Sächsischen Bürgerpreis 2016

Hier können Sie die Festrede vom 17.10.2016 nachlesen, gehalten in der Frauenkirche in Dresden

1. Das Fremde

Was ist das Fremde, meine sehr verehrten Damen und Herren? Ist es das Störende, gar das Verstörende? Warum löst das Wort etwas in uns aus, das uns ängstigt?
Fremd und verstörend, so habe ich das erlebt, wirkten auf viele DDR-Bürger Behinderte -gerade, weil man sie so selten sah. Und genau das war gewollt. Für Rollstuhlfahrer wurde in der ganzen DDR nicht eine einzige Schräge gebaut: Sie sollten erst gar nicht auftauchen im fröhlichen Stadtbild des Sozialismus, inmitten der tüchtigen Werktätigen. Geistig und körperlich behinderte Menschen blieben weitgehend weggeschlossen -in den Wohnungen ihrer Familien, in Heimen. Und das waren meistens kirchliche Heime. Nur in den von den herrschenden Sozialisten argwöhnisch beobachteten Kirchen waren auch Behinderte Geschöpfe Gottes, hatten auch sie eine Menschenwürde.
Als fremd und verunsichernd galt fast alles, was nicht der optischen Norm entsprach. Das betraf auch jene winzige Minderheit von Ausländern, die sich ab 1980 in der abgeschotteten DDR aufhalten durften, wenn auch nur vorübergehend -die vietnamesischen Vertragsarbeiter. Gerne hatte man auch sie nicht: Doch herrschte nach dem Pillenknick und einer millionenfachen Flucht von DDR-Bürgern ein solch permanenter Mangel an Arbeitskräften, dass sich die DDR-Führung schweren Herzens dazu entschloss, Arbeitskräfte aus Vietnam herein zu holen. Jeweils drei Jahre durften sie bleiben, dann wurden sie gegen die nächsten ausgetauscht. Wie ist es ihnen ergangen? „Fidschis“ wurden in den Betrieben keineswegs schlecht behandelt. Doch lebten sie in abgesonderten Wohntrakts, Gaststätten waren ihnen verwehrt. Auch durften sie ihren Ort nicht ohne Genehmigung verlassen… und Deutsch sollten sie gar nicht erst lernen.
Doch es ging noch menschenverachtender: Vietnamesische Frauen standen in der DDR unter Abtreibungszwang, darüber wurden sie schon im Heimatland informiert. Wurden sie schwanger, mussten sie abtreiben -und wer den Termin verpasste oder es nicht fertig brachte, sein werdendes Kind zu töten, musste vorzeitig zurück nach Vietnam. Dazu hieß es in der „Vereinbarung über die Verfahrensweise bei Schwangerschaft vietnamesischer werktätiger Frauen in der DDR“, einem Regierungsabkommen von 1980, das 1987 noch einmal bekräftigt wurde:
„Schwangerschaft und Mutterschaft verändern die persönliche Situation der betreffenden werktätigen Frauen so grundlegend, dass die damit verbundenen Anforderungen der zeitweiligen Beschäftigung und Qualifizierung nicht realisierbar sind. Vietnamesische Frauen, die die Möglichkeiten der Schwangerschaftsverhütung bzw. –Unterbrechung nicht wahrnehmen, treten nach ärztlich bescheinigter Reisetauglichkeit die vorzeitige Heimreise an.“
Die Heimreise hatte auf eigene Kosten zu erfolgen.

Gibt es ein rechtsradikaleres Programm? Die für solche Maßnahmen verantwortlich waren, begannen schon kurz nach dem Mauerfall, ihre Miesheiten dem Westen in die Schuhe zu schieben.
Der damals wohl bekannteste rechtsradikale Westler zeigte sich denn auch begeistert von der DDR: 1991 kam Franz Schönhuber -einst Mitglied der NSdAP, nun Vorsitzender der rechtsextremen „ Republikaner“ -gleich mehrfach rüber, um die dünne Personaldecke seiner Partei mit Ost-Kadern aufzufüllen. Und dabei schwärmte Schönhuber, die DDR sei das bessere Deutschland gewesen: Ein ´ordentlicher Stechschritt ́ bei der Armee und ´weitgehende Ausländerfreiheit´.
Das sollte für viele DDR-Bürger auch so bleiben: Im Jahr darauf fanden in Rostock-Lichtenhagen die bis dahinmassivsten fremdenfeindlichen Übergriffe der deutschen Nachkriegsgeschichte statt: Vor einem Wohnheim von Vietnamesen, die gern in Deutschland bleiben wollten, hatten sich mehrere hundert Randalierer versammelt. Sie steckten die Unterkunft, in der sich zu dieser Zeit über 100 vietnamesische Männer, Frauen und Kinder befanden, mit
Molotowcocktails in Brand. Es schauten zu und applaudierten heftig bis zu 3000 Zuschauer, die noch zusätzlich den Einsatz von Polizei und Feuerwehr behinderten. Die Polizei zog sich zeitweise völlig zurück und überließ die im brennenden Haus Eingeschlossenen schutzlos sich selbst. Wir erinnern uns der Fernsehbilder, wie die verzweifelten Menschen sich mit Hilfe eines Sozialarbeiters aufs Dach des Hochhauses retteten.

Es wäre verhängnisvoll zu unterschlagen, daß es selbst unter DDR-Bedingungen immer Menschen gab, für die Toleranz und Zivilcourage keine Phrase war. Auch im Osten standen nach dem Mauerfall Bürger tapfer vor Asylbewerberheimen, sich vor faustgroßen Steinen duckend, wenn von den zuständigen Ordnungshütern weit und breit nichts zu sehen war. Nur: Typisch waren sie nie. Typisch war das Verhalten der Bürger von Hoyerswerda, wo es 1991 30 Skinheads schafften, sämtliche ausländischen Flüchtlinge durch permanente Gewalt aus der Stadt zu vertreiben. Auch hier klatschten viele Einwohner der Stadt Beifall, als das Asylbewerberheim mit schwer verängstigten Menschen evakuiert werden musste…
Wieso müssen wir auch ein Vierteljahrhundert später noch solche Bilder ertragen? In meinem Essay „Die DDR-Deutschen und die Fremden“ schrieb ich 1990: „Das ganze Ausmaß von Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus wird erst jetzt sichtbar. Wir kriegen das Übel nur dann zu fassen, wenn wir uns tief zu seinen Wurzeln hinuntergraben, wenn wir unsere eigene verkrustete Geschichte tabulos aufbrechen…“
Das ist jetzt 26 Jahre her. Und wir haben noch einiges zu tun.

2. Unsere Vietnamesen

Dabei gibt es ja auch Positives zu berichten. Kehren wir also noch einmal zu unseren Vietnamesen zurück: Ein Teil von ihnen ist in unserer ostdeutschen Gesellschaft geblieben, wo es ja keineswegs nur Rassismus gibt, sondern auch viele warmherzige Mitbürger. So auch in Dresden. Ein vietnamesisches Paar kenne ich nun seit vielen Jahren. Es besitzt einen kleinen Lebensmittelladen, ist sehr fleißig und in der Umgebung beliebt. Sind das noch die Fremden?
Das Paar hat zwei Kinder, inzwischen 17 und 21 Jahre alt: Ein Junge lernt bei Siemens, der andere studiert. Die beiden sind in Dresden aufgewachsen und sprechen ein breites Sächsisch. Sie fühlen sich wohl in der Stadt, hatten nie Probleme mit ihren Mitschülern, sie kennen keine rassistischen Pöbeleien. Andere Vietnamesen berichten das gleiche. Kann man Dresden eine Stadt der Fremdenfeindlichkeit nennen? Und hat nicht auch in Sachsen bereits eine neue Zeit begonnen, inder mehr und mehr Ängste und Voreingenommenheiten einerÖffnung hin zur Welt weichen?
Vor allem durch persönliche Begegnungen weichen ja auch Feindbilder auf…
Ich bin oft in Süddeutschland unterwegs, um mit Schülern zum Thema ´Diktatur und Demokratie´ zu arbeiten. Und ich staune, wie selbstverständlich dort unterhalb der politischen Ebene Fremden die Hand gereicht wird. Würde man das ausgerechnet in Bayern vermuten? Wohl eher nicht.
In diesem Frühjahr war ich zu Gast in einem christlichen Gymnasium, in eben dem vielgescholtenen Bayern. Die Schule hatte kurz zuvor eine größere Gruppe minderjähriger Flüchtlinge eingeladen, für zwei Tage. Die muslimischen Jugendlichen hatten zunächst verunsichert reagiert, in eine christliche Schule zu gehen, die Kreuze im Treppenhaus sind ja nicht zu übersehen. Doch sie kamen, und die bayrischen Schüler haben sich liebevoll um die Fremden gekümmert: Es wurde miteinander gekocht, Volleyball gespielt, es gab einen Ausflug an den Starnberger See. Und was haben die Jugendlichen aus Syrien, dem Irak und einigen Mädchen aus Mocambique zum Abschied ihren Dolmetscher übersetzen lassen? „Die Tage mit euch empfanden wir wie ein Märchen. In eine solche Schule möchten wir auch gern gehen…“

Doch kehren wir nach Sachsen zurück, wo es mittlerweile auch eine Menge an guten Initiativen gibt -einige werden heute zurecht hier in der Frauenkirche ausgezeichnet. Doch dominiert in der Welt das Bild vom fremdenfeindlichen Osten. Und seit zwei Jahren steht nun besonders die Stadt Dresden im Mittelpunkt -das Aufmarschgebiet von Pegida.

3. Eine Stadt in Geiselhaft

Seit zwei Jahren befindet sich meine Heimatstadt Dresden nun schon in Geiselhaft: Menschen, die es „denen da oben“ zeigen wollen, kommen zum Pegida-Tourismus und ziehen montags durch eine der schönsten Städte Deutschlands, schimpfend und Menschen verhöhnend, die nicht so aussehen wie sie -mit einem einzigen Erfolg: Viele Touristen meiden inzwischen Dresden. Ist es das, was sie wollten?
Wie viele Dresdner haben sich den Rassisten im Laufe von zwei Jahren entgegen gestellt! Künstler haben sich immer wieder einfallsreich engagiert, ganze Schulklassen die Demokratie verteidigt. Doch leider interessieren Medien sich kaum für Positives, dafür aber noch für die dümmsten Sprüche einer ältlichen Latschtruppe.
Und diesen Zusammenhang habe ich am 3.Oktober 2016 erstmals begriffen -während der Einheitsfeier in meiner Heimatstadt Dresden. Viele hatten schon in den Tagen zuvor an den Dresdner Straßenfesten teilgenommen und schwärmten von der Stimmung. Die Bundeskanzlerin hatte am Rand der Feierlichkeiten zu mehr Respekt und Dialogbereitschaft aufgerufen. Und für mich ging es am Mittag in der Semper-Oper los, beim Festakt zur deutschen Einheit, an dem etwa 1000 geladene Gäste teilnahmen. Wer immer für diese Veranstaltung die Regie inne hatte, verdient großes Lob, denn es war eine Stunde des künstlerischen Reichtums und einer politischen Aktualität, wie sie der Einheitsfeier im Jahr zuvor in Frankfurt am Main in nichts nachstand. Selbst jene, die die Feststunde vor dem Fernseher mitverfolgten, fanden sie sehr bewegend:
Die Sächsische Staatskapelle begann mit Beethoven. Als bitter notwendig auch im 21.Jh. empfanden wir Lessings Ringparabel, dargeboten von einem exzellenten Schauspieler. Der Kreuzchor sang und wir sahen hinreißende künstlerische Darbietungen durch junge Leute, die das Flüchtlingsthema tanzten, Toleranz und Intoleranz. Auch die beiden Reden kreisten um die großen Fragen, die uns derzeit bewegen.

Ministerpräsident Tillich erntete einen langen Beifall für seinen Satz: „Beschämt erleben wir, dass Worte die Lunte legen können für Hass und Gewalt.“ Und Bundestagspräsident Lammert hielt eine Rede von solch historischer Tiefe, wie wohl nur er das kann. Immer wieder brandete Beifall unter den tausend Gästen auf, die ja aus verschiedenen politischen Richtungen kamen, aus Ost und West. Spürbar länger und leidenschaftlicher wurde das Klatschen, und plötzlich entstand in der Semper-Oper eine Atmosphäre von Widerstand, wie ich sie aus unserem DDR-Theater erinnere, wenn es uns gelungen war, Momente von DDR-Kritik auf die Bühne zu bringen… Es war ein Glücksmoment der deutschen Einheit in der Semper-Oper.

Als ich dann am Nachmittag quer durch die Stadt zum Hauptbahnhof ging -ich musste zurück nach Berlin -traf ich auf eine schwarz gekleidete Gruppe junger Leute, die auf ein langes, ebenfalls schwarzes Transparent mit Pinkfarbe den Satz gemalt hatten: „Räumt endlich den Rassismus aus Euren Köpfen!“ Und da fiel mir ein, dass heute ja nicht nur ein Feiertag ist, sondern auch Montag. Also Pegida-Tag. Am Hauptbahnhof zog sich bereits Polizei zusammen und ich beschloss, mir diese Demo jetzt einmal aus der Nähe anzusehen. Ich war nicht die einzige Zuschauerin: Links neben mir stand ein Ehepaar aus Großenhain, rechts von mir ein Mann aus Dresden. Leicht hinter uns ein schüchterner TU-Student aus dem Libanon, mit Angst in den Augen und der Einkaufstüte in der Hand. Ich verteilte Schokolade aus der Semperoper und bat meine Nachbarn, mit mir die Anzahl der Demonstranten zu schätzen. Unabhängig von einander kamen wir am Ende auf etwa 2000.

Tapfer hielt ich am Rande durch, trotz zunehmendem Ekel. So viele dumpfe Gesichter auf einmal: Würde ich diese Leute in einem Film zum Thema ´Rassismus´besetzen, hieße es garantiert, ich würde übertreiben. Ich sah vorwiegend Rentner, dazwischen ein paar kantige Neonazis, denen ich nicht in die Hände fallen möchte. Ein Block aus Brandenburg grüßte, einer aus Meißen und einem Dorf hinter Bautzen. Im Wechsel rief der müde Latsch-Trupp „Merkel muss weg!“, „Es hat sich ausgegaukelt“ und „Ab-schie-ben, Ab-schie-ben“. Einige ergänzten mit dem Satz „ Hände weg von Putin“.
Ich dachte: Wenn man vor einem Jahr aufgehört hätte, diese Leute unentwegt im Fernsehen zu präsentieren, hätte sich das ganze wohl längst erledigt.

Doch nun fand das Gegenteil statt: ´Von Dresden geht endlich ein starkes Zeichen aus´, dachte ich noch, bevor ich in Berlin ahnungslos die Tagesschau einschaltete. Dort verdrehte der noch immer DDR-verliebte MDR -eingehüllt ins unauffällige Gewand der ARD -einen 3-Minutenbeitrag über das gelungene Fest der Einheit in sein Gegenteil. Mit den verständnisvollen Worten: ´ Nicht alle Dresdner fühlten sich mitgenommen´ eines Kommentators aus der MDR-Chefetage sah man dann lange Zeit Pegida… deren Zahl auch gleich mal auf 4000 hochgeschraubt wurde. Gezeigt wurde die Verhöhnung der Bundeskanzlerin und die Verhöhnung des Bundespräsidenten. Ein paar kurze, steife Worte zum Geschehen in der Semperoper, dazu ein Sätzchen Tillich, zwei Sätzchen Lammert, ein bisschen Protestgruppe mit ihrem Spruch in Pink -doch von so weit weg und so schräg aufgenommen, dass Zuschauer den Spruch nicht lesen konnten. Dann wieder lange Pegida. Heraus kam ein geschickt montierter Bericht mit der Aussage: Dresden kriegt den Rechtsradikalismus nicht in den Griff… Dieser Bericht wurde -immerhin war es der Tag der deutschen Einheit ­als seriöser Beitrag bis in den letzten Winkel von Deutschland gespült. Und weit über seine Grenzen hinaus. Wo bleibt das Dankesschreiben von Herrn Bachmann?

Auf jeden Fall ist der Beitrag geeignet, um Journalistik-Studenten zu zeigen, wie DDR-Fernsehen funktionierte.

Doch es geht auch anders: Der SPIEGEL-Journalist Takis Würger hat sich einen Monat lang in Clausnitz einquartiert -in jenem Ort im Erzgebirge, der sich durch eine brutale Bus-Geschichte eingeprägt hat. Heraus gekommen ist eine differenzierte und erhellende Reportage, für die auch der Journalist eine Auszeichnung verdient hätte.
Wie werden wir in Zukunft leben -abgeschottet oder offen und tolerant? Ich bin von letzterem überzeugt. Ich bin Patin einer „Schule für Demokratie und Toleranz“ und freue mich, wie engagiert und
politisch wach bereits viele Jugendliche sind. Schüler wie die 16­jährige Lilly, Tochter eines Bürgerrechtlers, die sich für die Flüchtlinge in ihrem Dorf engagiert: „Zwei Mal in der Woche“, so schreibt sie, „besuche ich die Menschen, verteile Spenden, unterrichte sie in Deutsch, betreue Kinder, wenn ihre Eltern den Deutschkurs besuchen oder helfe Grundschülern bei ihren Hausaufgaben. Jede Woche kann ich dabei Fortschritte sehen, weil die geflohenen Menschen ihre Existenzen aufgeben mussten und dankbar sind für die Chancen, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Kein Mensch“, schreibt Lilly, „ verlässt seine vertraute Heimat freiwillig, um in eine völlig unbekannte Kultur zu ziehen. Den Beweis dafür sehe ich jedes Mal, wenn ich bei den Flüchtlingen bin.“
Lilly ist eine Brückenbauerin. Und auch Ihr, die Ihr heute ausgezeichnet werdet, seid solche Vorbilder und Brückenbauer, wie sie unser Land dringend braucht.

Freya Klier


deutschkronInge Deutschkron

Zerrissenes Leben

Rede zur Gedenkstunde im Bundestag am 30. Januar 2013

Verehrte Damen und Herrn,

Dicht an dicht, so standen sie am Straßenrand in jener Nacht des 30. Januar 1933. Männer und Frauen, Junge und Alte. Und sie grüßten die vielen Hunderte, die in ihren khakifarbenen Uniformen mit dröhnendem Marschtritt durch das Brandenburger Tor in die Stadt einmarschierten – brennende Fackeln in ihren Händen. Die Massen am Straßenrand rissen ihre Arme hoch dem Himmel entgegen und schrien ihre Begeisterung hinaus über die Machtergreifung, wie die neuen Herren des Deutschen Reiches ihren auf demokratische Weise errungenen Wahlsieg bezeichneten. Und die marschierenden Kolonnen sangen ihre Lieder dazu: „Wenn´s Judenblut vom Messer spritzt, dann geht´s noch mal so gut“, war eines davon. War´s nur ein Lied oder symbolischer Ausdruck ihrer Politik?

„Mein Kind, Du bist Jüdin.“ Meine Mutter setzte sich zu mir, wie so oft, wenn sie mir etwas Wichtiges mitteilen wollte. Es war wenige Tage, nachdem die NSDAP die Macht in Deutschland übernommen hatte. „Du gehörst nun zu einer Minderheit“, sagte sie mit fester Stimme. „Du musst den andern in Deiner Klasse zeigen, dass Du deshalb nicht geringer bist als sie.“ Sie wisse natürlich, dass ich das auch tun würde. Energischer werdend fügte sie hinzu: „Lass Dir nichts gefallen, wenn Dich jemand angreifen will. Wehr Dich!“ Ein Satz, der mein ganzes Leben bestimmen sollte…

Doch, was war das, eine Jüdin? Ich fragte nicht danach… Irgendwie schien mir dies ein schwieriges Thema zu sein. Möglicherweise hatte es etwas mit Religion zu tun. Ein Fach, das in meiner Schule nicht gelehrt worden war und zu Hause keine Rolle spielte. Ich weiß auch heute nicht mehr, ob meine Mutter ihre Feststellung näher erläutert hatte. Ich weiß nur noch, dass ich sie nicht verstand.

Hingegen wusste ich genau, wer die Nazis waren, was ihre Ziele und wer dieser Hitler war. Das hatte meine Mutter mir erklärt. Sie wollte, dass ich die Gründe für ihre vielen Aktivitäten verstand, die alle dem Kampf gegen die Nazis galten. Und das dies dazu führte, dass sie mich immer öfter allein in der Obhut unserer Haushaltshilfe zu Hause lassen musste. Sie seien Sozialisten, hatte meine Mutter einmal beiläufig gesagt. Sie kämpften für den Sieg des Sozialismus in Deutschland, denn nur dann würde die Gleichberechtigung aller Menschen gewährleistet und eine weitere Judenfeindschaft ausgeschlossen sein.

Oft konnte ich des Abends nicht einschlafen und horchte auf Tritte im Treppenhaus. Waren es die von Stiefeln, bekam ich Angst, es könnten die von SA-Männern sein, die kämen, um meinen Vater zu verhaften. Verhaftung – das Wort war mir bald nicht mehr fremd. Häufig wurden Menschen verhaftet, die aus ihrer gegnerischen Haltung zur „neuen Ordnung“ keinen Hehl gemacht hatten. Dann wurden sie in Folterkellern der SA, irgendwo in Berlin, gequält. Das entnahm ich Gesprächsfetzen, die ich, an der Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters lauschend, aufschnappen konnte. „Ich musste auf allen Vieren wie ein Hund durch einen langen Gang kriechen, während SA-Männer mit Peitschen auf mich eindroschen.“

Ich verschwieg meine Ängste. Es war das erste Mal, dass meine Mutter nicht mit mir über ihre Sorgen sprach. Ich spürte deutlich, dass sich unser Leben in den letzten Wochen verändert hatte. Es war ernster geworden… Bei uns wurde immer viel gelacht. Nun war man eher schweigsam, nachdenklich. So schien es mir, wenn wir drei am Mittagstisch saßen. Auf Fragen oder Berichte aus der Schule, auf die meine Mutter immer großen Wert gelegt hatte, erhielt ich, ganz entgegen früheren Gewohnheiten, nur spärlich Antwort. Obgleich ich die Einzelheiten und Zusammenhänge nicht kannte und auch nicht übersehen konnte, spürte ich deutlich die Spannung, die mein Elternhaus nun beherrschte.

Doch auch die Atmosphäre der Stadt war verändert. Das Leben in den Straßen war lauter geworden, unfreundlicher. Lautsprecher verkündeten mit kreischender Stimme die unabänderliche Oberhoheit der neuen Machthaber und die große Chance, die dem deutschen Volk damit gegeben worden sei. Zeitungsverkäufer schrien die Schlagzeilen ihrer Zeitungen den potentiellen Käufern entgegen, auf dass sie die Gunst der Stunde richtig einschätzten. Litfasssäulen und Mauern waren verschandelt und mit Parolen der Partei beschmiert und weithin sichtbar. An manchen Sonntagen eilten Massen von Berlinern zu öffentlichen Plätzen, um die ersten zu sein, denen bekannte Schauspieler mit großen Kellen aus Gulaschkanonen im Namen der Partei einen Eintopf servierten. Ein Volksfest war´s mit Trommeln, Trompeten und Querpfeifen zur Festigung der Bande zwischen einem begeisterten Volk und der NSDAP.

Nie zuvor und nie wieder habe ich meinen Vater so empört gesehen wie bei der Lektüre eines Briefes mit dem Stempel des 7. April 1933. Der Absender war das Provinzialschulkollegium. Er enthielt die Mitteilung, dass das erste von der neuen Reichsregierung erlassene Gesetz gegen ihre politischen Gegner und Juden auch gegen meinen Vater angewendet werden würde. Dieses Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums bestimmte die Entlassung all jener aus dem Staatsdienst, deren „politische Betätigung nicht die Gewähr dafür bietet, dass sie jederzeit rückhaltlos für den Nationalstaat eintreten würden“.

„Ich, der ich als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teilgenommen habe, dürfte wohl damit meine positive Einstellung zum Nationalstaat bewiesen haben“, antwortete mein Vater auf diesen Brief. Seine Empörung sprach deutlich aus seinen Worten. Einer Antwort seitens des Ministeriums wurde der Oberstudienrat Dr. Martin Deutschkron nicht mehr gewürdigt. Das Gesetz wurde erlassen und ausgeführt. Viele ehemalige Beamte und Angestellte führte dieses Gesetz in die Arbeitslosigkeit. Auch unser Budget musste drastisch gekürzt werden.

Mein Vater erzählte auch auf Aufforderung nur selten über seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg. Man merkte ihm an, dass es ihm schwer fiel, darüber zu sprechen, was damals an Grausamkeit nicht zu überbieten war. Es war die Schlacht von Verdun 1917, an der er teilgenommen hatte. „Ich sehe es noch heute vor mir, wie eine Kugel meinen Kameraden traf.“ Für die Teilnahme an diesem Ersten Weltkrieg verlieh der Staat meinem Vater das Eiserne Kreuz. Er legte es in eine Schublade, getragen hat er es nie. Es verschwand auf mysteriöse Weise im Laufe unseres zerrissenen Lebens.

„Tragt ihn mit Stolz, den gelben Stern.“ Mit diesen Worten versuchten Funktionäre der Jüdischen Gemeinde ihre Mitglieder zu ermutigen, als wir im September 1941 gezwungen wurden, diesen gelben Lappen am äußersten Kleidungsstück in Herzhöhe zu befestigen. „Fest angenäht“, so stand es im Gesetz, das für Kinder ab sechs Jahren galt. Mit Stolz? Die Mehrheit der Deutschen, denen ich in den Straßen Berlins begegnete, guckte weg, wenn sie diesen „Stern“ an mir bemerkte oder guckte durch mich, die Gezeichnete, durch oder drehte sich weg.

Wie auch andere Juden hatte ich gelegentlich erfreuliche Erlebnisse. Ich erinnere mich, wie Unbekannte in der U-Bahn oder auf der Straße, meist im dichten Gewühl der Großstadt, ganz nah an mich herantraten und mir etwas in die Manteltasche steckten, während sie in eine andere Richtung guckten. Mal war es ein Apfel, mal eine Fleischmarke, Dinge, die Juden offiziell nicht erhielten. Wie so vieles, was unsere Hungerrationen hätte aufbessern können. Doch es gab auch andere, solche, die mich mit Hass ansahen oder hässliche Grimassen vor mir schnitten, um ihrem Abscheu für die Jüdin Ausdruck zu geben. Fraglos, der „Stern“ schuf eine diskriminierende Isolation für uns. Auf der Straße gewöhnte ich mir an, meinem Gesicht den Ausdruck einer Maske zu geben. Niemand sollte auch nur ahnen, wie es wirklich um mich stand.

Was bedeutete eigentlich dieser „Stern“ jenen, die ihn uns zu tragen zwangen? fragte ich mich. War er als Zielscheibe gedacht oder als Hinweis für die Richtung, die uns den Weg zu einem schrecklichen Ende wies?  Ich dachte darüber nach. Ich kam zu dem Schluss, dass es doch wohl sinnlos wäre, wenn man uns im Vorhinein auf diese Weise über unser Ende informieren würde, so dass wir uns ängstigten und nicht wie bisher gelassen den Befehlen folgten. Und so reagierte ich unmutig, wenn meine Mutter mit Gerüchten über das, was uns bevorstehen sollte, nach Hause kam. Ich bat sie, mich damit zu verschonen. „Aber vielleicht sind diese Gerüchte dennoch wahr?“ hielt meine Mutter dagegen.

Nichts konnte darüber hinwegtäuschen, dass die Lage der Juden von Berlin immer kritischer wurde. Fast täglich gab die Regierung neue Gesetze, neue Vorschriften, neue Verbote für Juden bekannt, nach denen wir leben mussten. In ein so genanntes „Judenhaus“ eingewiesen, mussten sich immer zwei Personen ein Zimmer teilen. Um unsere Ausgrenzung perfekt zu machen, wurden die Telefonkabel durchschnitten, nahm man uns die Radioapparate weg. Der Gang zum Friseur wurde verboten, sowie das Waschen unserer Wäsche in einem Salon. Seife durfte uns nicht verkauft werden. Auch Eier und Kuchen nicht. Das Einkaufen der wenigen uns zugeteilten Lebensmittel war nur zwischen 16 und 17 Uhr erlaubt. Besuche von Kulturstätten waren Juden als erstes untersagt worden: es schloss den Spaziergang „im Grünen“ ein. Haustiere wurden Opfer der angeblichen „Rasse ihrer Herrchen“. Ach, es muss zu jener Zeit eine Riege von Unmenschen im Reichsinnenministerium beschäftigt worden sein, deren einzige Aufgabe es war, darüber nachzudenken, wie man Leben zur Qual macht.

Lautes Motorengeräusch von Polizeiflitzern, die zu so ungewöhnlich früher Stunde durch Berlins Straßen rasten, vor einem Haus plötzlich hart bremsten, unterbrach die morgendliche Stille  am 27. Februar 1943.Ein Polizist sprang aus dem Auto, stürzte in ein Haus, kam nach wenigen Minuten mit einem Menschen zurück, hatte ihn fest im Griff, schob ihn unsanft in den Wagen, fuhr zum nächsten Haus. Dort das gleiche Bild. Die wenigen Passanten, wohl auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstelle, beschleunigten ihre Schritte. Sie ahnten wohl, dass sich hier etwas Ungewöhnliches abspielte. Nur nichts sehen, was man hier getan hat, nur nicht wissen, was man hier tut, so oder ähnlich schienen ihre Reaktionen. In den Häusern ging Licht an. Schemenhaft sah man Gesichter hinter dem Vorhang der Küchenfenster, von wo aus man das Geschehen auf der Straße am besten verfolgen konnte.

Man holte Juden ab. Die letzten der einstmals stolzen Jüdischen Gemeinde, die sich noch in Berlin befanden. Damit löste die Nazi-Regierung ihr Versprechen ein, das sie dem deutschen Volk gegeben hatte: Berlin soll judenrein werden!  Diese Aktion hatte im Oktober 1941 begonnen. Damals erhielten tausend Menschen von der Jüdischen Gemeinde Formulare, auf denen sie angeben mussten, was sie noch besaßen. Die ausgefüllten Formulare mussten an die Jüdische Gemeinde zurückgeschickt werden, die gezwungen war, alles auszuführen, was die Gestapo ihr auftrug.  Am 16. Oktober holten Gestapobeamte noch eigenhändig die Tausend ab, deren Besitztum ihnen von den Formularen her bekannt war. Nach 20 Uhr versteht sich. Die Uhrzeit, zu der Juden dem Gesetz entsprechend zu Hause sein mussten.

Die Beamten in ihren grauen Ledermänteln forderten Klara Sara Hohenstein, unsere Zimmernachbarin, eine etwa 65-jährige Dame, die typische Großmutter. Zehn Minuten später verabschiedete sie sich von uns: „Die Herren wissen auch nicht, wohin ich komme. Ich melde mich, sobald ich kann.“

Mit einer gewissen Regelmäßigkeit ging von da an jeden Monat ein Transport mit 1.000 oder 1.500 Menschen aus Berlin „gen Osten“ ab. Die Zahl der zu Deportierenden hing von der Kapazität der Deutschen Reichsbahn ab. Nun allerdings überließ die Gestapo die gesamte Organisation der Deportationen der Jüdischen Gemeinde. Nur auf die persönliche Verriegelung der mit Menschen bis an den Rand gefüllten Waggons verzichteten die deutschen Beamten nicht.

Die letzten Berliner Juden holte man vornehmlich aus Fabriken ab, wo sie zur Herstellung von Munition für Hitlers Kriege zwangsverpflichtet gewesen waren.  Dieser Tag ist als „Fabrikaktion“ in die Annalen der Judenverfolgung in Deutschland eingegangen. Doch man ergriff sie auch, wo und wie man sie fand: in ihren Wohnungen, auf der Straße, im Morgenrock, im Arbeitskittel. Ahnungslos folgten sie den Anweisungen, genau wie die Deportierten vor ihnen, von deren Schicksal sie nichts wussten. Zurück blieb die kleine Zahl derer, die ein Versteck gefunden hatten und in die Illegalität gingen wie meine Mutter und ich. Auch ich sah sie vom Fenster aus, sehe sie noch heute, in ihrem Erschrecken wie erstarrt, von Polizisten in die Wagen gestoßen. „Schnell, schnell, schnell“, trieb man sie an. Diese letzte Deportation aus Berlin dauerte mehrere Tage.

Dann waren sie alle weg – meine Familie, meine Freunde, die blinden jüdischen Bürstenzieher von Otto Weidt, die jüdischen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, ihre Orden noch am Revers ihres Mantels. Wir hatten keinen Schrei gehört, sahen kein Aufbegehren; blickten ihnen nach, wie sie gehorsam ihren letzten Weg antraten. Des Nachts sah ich sie wieder vor mir, hörte nicht auf, an sie zu denken: wo waren sie jetzt? Was tat man ihnen an? Ich begann mich schuldig zu fühlen. Mit welchem Recht, so fragte ich mich, verstecke ich mich, drückte ich mich vor einem Schicksal, das auch das Meine hätte sein müssen? Dieses Gefühl von Schuld verfolgte mich, es ließ mich nie wieder los.

Ein Jahr nach Kriegsende erhielten meine Mutter und ich die Erlaubnis zur Einreise nach England. Begleitet von Emigranten holte mein Vater uns vom Bahnhof in London ab. Ich sah es sofort: für die Emigranten waren wir wie die Abgesandten ihrer ermordeten Angehörigen. Sie kämpften mit Tränen, als sie uns sahen. Wir waren wie eine Bestätigung, dass die Ihren den Kampf um ihr Leben in Nazi-Deutschland verloren hatten. Und wieder war es da, das Gefühl meiner Schuld.Dieses Gefühl wich zeitweise der Sprachlosigkeit, wenn Menschen im Nachkriegsdeutschland zu mir sagten: „So vergessen sie doch“, wenn sie mich nicht anders zum Schweigen bringen konnten. „Sie müssen doch auch vergeben können“, meinten sie. „Es ist doch schon so lange her.“ Die meisten, denen ich in der provisorischen Bundeshauptstadt Bonn begegnete, hatten sie einfach aus ihrem Gedächtnis gestrichen, die Verbrechen, für die der deutsche Staat eine eigene Mordmaschinerie hatte errichten lassen und sie es geschehen ließen.

Da wusste ich plötzlich, was meine Pflicht war, die mir meine Schuld auferlegte: ich musste es niederschreiben. Die Wahrheit, die lückenlose Wahrheit, präzise und emotionslos, so wie ich es mit eigenen Augen gesehen hatte. Es ging mir dabei nicht darum, dass die Schuldigen und jene, die dazu geschwiegen hatten, versuchen sollten, einen Weg der Sühne dem jüdischen Volk gegenüber zu finden. Nein, nein, das wäre sinnlos gewesen. Das deutsche Volk jener ersten Nachkriegsjahre wurde beschützt von seinem ersten Kanzler, der im Parlament in einer Regierungserklärung behauptet hatte, die Mehrheit der Deutschen wären Gegner der Verbrechen an den Juden gewesen. Viele von ihnen hätten sogar den Juden geholfen, ihren Mördern zu entkommen. Ach, wäre das doch die Wahrheit gewesen!

Ich aber war wie besessen von der Idee, dass Vergleichbares nie wieder geschehen dürfe. Dass Menschen anderen Menschen das Recht auf Leben streitig machen könnten – ganz gleich welcher Hautfarbe, welcher Religion, welcher politischen Einstellung, nicht hier und nicht anderswo. Und um dieses Zieles wegen gilt es, die Wahrheit zu wissen, die ganze Wahrheit. Denn solange die Frage Rätsel aufgibt, wie konnte das Fürchterliche geschehen, ist die Gefahr nicht gebannt, dass Verbrechen ähnlicher Art die Menschheit erneut heimsuchen. Ich wollte daran mittun hier, heute und jetzt mit meinem ganzen Eifer, meiner ganzen Kraft.

Sieben Jahre waren wir getrennt, mein Vater und ich. Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatte mein Vater noch nach England fliehen können. Er blieb in meiner Erinnerung als relativ kleiner Mann, aber kraftvoll in seinen Bewegungen, ein beliebter Lehrer und politischer Kämpfer, voller Energie und Tatendrang. Meine Mutter unterstützte dieses Bild von ihrem Mann in der Erinnerung sieben Jahre lang. Und nun saß er mir gegenüber in Birmingham, einer damals lieb- und leblosen Stadt in Mittelengland, müde, erschöpft, wie es mir schien, passiv dem Leben gegenüber. Während der sieben Jahre hatte er um eine Existenz in England ringen müssen, ohne Rücksicht auf die Gründe seiner Flucht aus Nazi-Deutschland. Mal störte sein so deutscher Name, mal sein ebenso deutscher Akzent.

Ich hingegen hatte in jenen Jahren um mein Überleben kämpfen müssen – 2 ½ Jahre in Verstecken mit Hilfe von Freunden meiner Eltern, die ihr Leben für meine Mutter und mich riskiert hatten. Und wie sie war ich nun nach dem Krieg bereit, mich einzusetzen für ein Deutschland der Freiheit und der Demokratie. Den Beweis dafür erbrachte ich im ersten Nachkriegsjahr in Berlin, gerade 23 Jahre alt, als die Sowjets sich mühten, ihren Bereich über ganz Berlin auszudehnen.

Ich merkte, dass mein Vater irritiert war. Er hatte 1939 einen Teenager zurückgelassen und mich so in Erinnerung behalten. Nun stand vor ihm eine energische junge Frau, die das Kämpfen für Freiheit und Recht zur Maxime ihres Lebens gemacht hatte. Seine Augen glänzten ein wenig, als er mir plötzlich gestand, einst ähnlich gesprochen zu haben. Dann gab er mir gegenüber schließlich zu, dass er mit dem Kriegsende einen Rückruf nach Berlin erwartet hatte. Man habe ihn 1933 im wahrsten Sinne des Wortes rausgeschmissen.

Daher, so meinte er, müsste man ihn nun, den nicht ganz unbekannten Pädagogen, zur Rückkehr einladen. Gewiss, seine vier Geschwister mit Familien gehörten zu den Mordopfern. Dennoch glaubte er weiter an die Deutschen, die damals seine Freunde waren und die sich nun verpflichtet fühlten wie er, ein neues Deutschland aufzubauen, das die Rechte eines jeden Menschen auf seine Fahnen schrieb. Doch dieser Ruf, diese Einladung kam nicht. Als er dies sagte, wandte er seinen Blick von mir ab, als wolle er nicht den Eindruck erwecken, er neide mir meine Zielsicherheit und meine Willenskraft.

Nun fuhr er fort, in englischen Schulen Deutsch zu lehren. Jeden Morgen suchte er im Briefkasten nach Post aus Berlin. An seiner Stelle kam ein Brief von einer englischen Schulbehörde, die ihm nahe legte, die Britische Staatsangehörigkeit anzunehmen, wenn er weiter in England lehren wollte. Tagelang überlegte er, kämpfte er mit sich. Dann sagte er zu.

Die Urkunde brachte der Postbote. Er nahm sie, stand stundenlang mit der Urkunde in der Hand, die ihn zum englischen Staatsbürger machte, am Fenster, guckte in die Ferne, ließ niemanden an sich heran.

Woran dachte er wohl in diesen Momenten?