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Georges Arthur Goldschmidt

goldschmidtDer deutsch-französische Schriftsteller, Essayist und Übersetzer Georges-Arthur (Jürgen-Arthur) Goldschmidt wurde am 2. Mai 1928 als Sohn eines jüdischen, zum Protestantismus konvertierten Oberlandesgerichtsrates in Reinbek bei Hamburg geboren. Nach einer behüteten Kindheit in großbürgerlich-hanseatischer Familie schickten ihn die Eltern im Frühjahr 1938 zusammen mit seinem vier Jahre älteren Bruder zum Schutz vor der Judenverfolgung zunächst nach Florenz, wo er bei Professor Paul Biswanger Unterschlupf fand; im März 1939 wurden die beiden in einem Internat bei Annécy in den Hautes-Savoies untergebracht.

Sein Bruder war in der Résistance aktiv. Während der deutschen Besetzung Savoyens (1943-44) wurde Goldschmidt von Bergbauern versteckt gehalten, was ihn vor der sicheren Deportation bewahrte. Seine Mutter überlebte die NS-Zeit nicht, der Vater kehrte aus Theresienstadt nach Reinbek zurück, starb jedoch kurze Zeit später. Die Jahre nach der Befreiung verbrachte Goldschmidt in einem jüdischen Waisenhaus in Pontoise bei Paris.

Nach dem Abitur 1948 nahm er ein Germanistikstudium an der renommierten Sorbonne auf, 1957 legte er das französische Lehrexamen ab und unterrichtete von da an bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1992 an verschiedenen Gymnasien in und um Paris. Neben seinem Lehramt betätigte sich Goldschmidt als Übersetzer aus dem Deutschen ins Französische. Er hat Goethe, Nietzsche, Stifter, Kafka und Benjamin übertragen und insbesondere das Werk von Peter Handke durch seine Übersetzungen (bislang achtzehn Bücher) in Frankreich bekannt gemacht; die beiden Autoten haben sich gegenseitig übersetzt.

Schriftstellerisch trat Goldschmidt erstmals in den sechziger Jahren hervor. Er begann für namhafte Zeitschriften zu schreiben, teilweise in Zusammenarbeit mit seiner Frau Lucienne Geoffrey. Goldschmidt ist Verfasser von Essays und Romanen und gilt als “einzigartiger Grenzgänger und Brückenbauer” zwischen den Kulturen Deutschlands und Frankreichs, deutscher Muttersprache und der Sprache seines Zufluchtslandes. Dort erregte er besonderes Aufsehen mit seinem subtilen, luziden Buch über die deutsche Sprache Quand Freud voit la mer. Freud et la langue allemande (1988). “Mit der Detailversessenheit Lichtenbergs, mit Canettis Witterung für das Uralte im Neuen beobachtet Goldschmidt die Bereiche, wo Sprache und Seele durcheinander fluten”, urteilte Peter von Matt.

Und Guido Kalberer schrieb: “Fern der Heimat macht Georges-Arthur eine Erfahrung, die für seinen späteren Werdegang als Schriftsteller prägend war: Er bemerkte, daß die beiden Sprachen, Deutsch und Französisch, verschiedene Räume des Denkens und Fühlens eröffnen. Der Klang des Französischen ‘lag so ganz anders, höher als das Deutsche, die Landschaften, durch welche die beiden Sprachen zogen, waren ganz andere’, heißt es in Die Absonderung.”

In der Begründung der Jury zur Verleihung des Breitbrach-Preises 2005 hieß es unter anderem: “Der in Paris lebende Schriftsteller, Essayist und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt ist ein literarischer Grenzgänger, der das Leben und Schreiben in zwei Ländern und Sprachen in eine eigene poetische Landschaft verwandelt hat. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft mußte er Deutschland 1938 verlassen; die Vertreibung aus der deutschen Sprache wurde zur Quelle eines bedeutenden Werkes, das die Schwellenerfahrung zum Ausgangspunkt allen Sprechens macht. Goldschmidts Kindheitserinnerungen, die Romane Die Absonderung und Die Aussetzung sowie seine Autobiographie Über die Flüsse gehören mit ihrer subtil austarierten Spannung zwischen Intimität und Sarkasmus zu den großen Selbstzeugnissen der Gegenwartsliteratur.”

Goldschmidt war lange Jahre Mitglied des Deutsch-Französischen Kulturrats und gehört seit 1995 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung an.

Auszeichnungen:

1991 SWF-Literaturpreis
1991 Deutscher Sprachpreis der Henning-Kaufmann-Stiftung
1991 Geschwister Scholl-Preis
1993 Literaturpreis der Stadt Bremen
1997 Ehrendoktorwürde der Universität Osnabrück
1999 Ludwig-Börne-Preis
2001 Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund
2002 Goethe-Medaille
2004 Prix France Culture
2005 Joseph-Breitbach-Preis

Publikationen:

Der Spiegeltag, Roman, übersetzt von Peter Handke, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1982;
Ein Garten in Deutschland, übersetzt von Eugen Helmlé, Zürich: Ammann, 1988;
Der unterbrochene Wald, Erzählung, übersetzt von Peter Handke, Zürich: Ammann, 1992;
Die Absonderung, Erzählung, Zürich: Amman, 1991;
Der bestrafte Narziss, übersetzt von Mariette Müller, Zürich: Ammann, 1994;
Die Aussetzung. Roman, Zürich: Amman, 1996;
Als Freud das Meer sah. Freud und die deutsche Sprache, übersetzt von Brigitte Große, Zürich: Ammann, 1999;
Über die Flüsse, Autobiographie, übersetzt von Georges-Arthur Goldschmidt, Zürich: Ammann, 2001;
Ein Leben zwischen Frankreich und Deutschland, Stuttgart: Steiner, 2001;
In Gegenwart des abwesenden Gottes, übersetzt von Brigitte Große, Zürich: Ammann, 2003;
Der Stoff des Schreibens. Essay, übersetzt von Klaus Bonn, Berlin: Matthes & Seitz, 2005;
Freud wartet auf das Wort. Freud und die deutsche Sprache, übersetzt von Brigitte Große, Zürich: Ammann, 2006.